Taunussteiner Energiewende

AKTE - ArbeitsKreis Taunussteiner Energiewende

32 Jah­re nach der Atom­re­ak­tor­ka­ta­stro­phe in Tscher­no­byl – Mahn­wa­che gegen das Ver­ges­sen und Ver­drän­gen

Fuku­shi­ma, Tscher­no­byl und wir


Arti­kel im Wies­ba­de­ner Kurier

Eine Aus­stel­lung in 15 Pla­ka­ten zu Fak­ten und Fol­gen der bei­den schlimms­ten Reak­tor­un­fäl­le bis­her
Über­all wo Atom­kraft­wer­ke ste­hen, ist eine Kern­schmel­ze jeder­zeit mög­lich. Wer wei­ter auf Atom­kraft setzt, muss Fuku­shi­ma und Tscher­no­byl ver­ges­sen und die­ses Atom­ri­si­ko ver­drän­gen. Am Jah­res­tag, Don­ners­tag, den 26.04.2018 auf dem Dr.-Peter-Nikolaus-Platz mit einer Mahn­wa­che und Pla­kat­aus­stel­lung hiel­ten wir dage­gen.

Die Aus­stel­lung erzählt von den hun­dert­tau­sen­den Aufräumarbeiter*innen, deren Leben und Gesund­heit Tscher­no­byl rui­niert hat, eben­so wie von den kran­ken und hei­mat­lo­sen Kin­dern aus Fuku­shi­ma. Sie zeigt, wie 1986 der radio­ak­ti­ve Fall­out über ganz Euro­pa nie­der­ging (und bis heu­te strahlt) und wie Japan heu­te ver­geb­lich ver­sucht, den durch den Super-GAU von Fuku­shi­ma kon­ta­mi­nier­ten Boden flä­chen­de­ckend abzu­tra­gen.

Anspra­che auf der Mahn­wa­che von Dr. Jens Garl­eff

Tschernobyl MahnwacheIch habe die Auf­ga­be über­nom­men, eine Anspra­che zu die­sem trau­ri­gen Anlass zu hal­ten. Bei der Vor­be­rei­tung stieß ich auf das Pro­blem, dass über den Tscher­no­byl-Unfall schon alles gesagt ist:
– rie­si­ge Gebie­te von rund der Flä­che des Rhein-Main-Gebiets sind in der Ukrai­ne und in Weiss­russ­land ver­strahlt und unbe­wohn­bar. Etwa noch­mal die dop­pel­te Flä­che ist so stark radio­ak­tiv belas­tet, dass dort kei­ne Land- und Forst­wirt­schaft mehr betrie­ben wird, weil die Pro­duk­te unver­käuf­lich wären.
– vie­le Men­schen sind an der Strah­lung gestor­ben und ster­ben noch heu­te. Je nach Quel­le und Inten­ti­on des­je­ni­gen der die Infor­ma­ti­on ver­brei­tet varie­ren die Schät­zun­gen von eini­gen Hun­dert Toten, bis hin zu Mil­lio­nen Toten bzw. Kin­dern die nie gebo­ren wur­den.
– erhöh­te Krebs­ra­ten, Immun­schwä­che und psy­chi­sche Pro­ble­me unter den Men­schen, die von der Strah­lung betrof­fen sind, und unter denen die eva­ku­iert wur­den und ihre Hei­mat für immer ver­lo­ren haben.
– gewal­ti­ge Kos­ten zur Bewäl­ti­gung der Fol­gen wie Auf­räum­ar­bei­ten, Gesund­heits­kos­ten, Ent­schä­di­gun­gen, etc. Die Ukrai­ne wen­det seit 86 zunächst jähr­lich zwsi­chen 25% (direkt nach der Kata­stro­phe) und 5% (im Jahr 2018) auf. Selbst im Tau­sen­de Kilo­me­ter ent­fern­ten Deutsch­land sind allein für ent­schä­di­gun­gen für Land­wir­te und Jäger bis heu­te ca. 300 Mio. Euro gezahlt wor­den. Wei­ter­hin sind Pil­ze und Wild aus dem Wald gebeits­wei­se so stark belas­tet, dass sie nicht ver­kauft wer­den dür­fen.

Tschernobyl MahnwacheDie­se Fak­ten sind im gro­ben bekannt und unstrit­tig. Im Detail blei­ben die Anga­ben vage, weil vie­le betrof­fe­ne Län­der kein Inter­es­se dar­an haben, sie exakt zu erhe­ben. Dies aus 2 Grün­den: für Schä­den die nicht als Tscher­no­byl­fol­gen aner­kannt sind, bezah­len z.B. die Regie­run­gen von Weiss­russ­land, der Ukrai­ne und Russ­lands kei­ne Ent­schä­di­gung an die Betrof­fe­nen. Inter­na­tio­na­le Fach­or­ga­ni­sa­tio­nen wie die IAEO ver­harm­lo­sen die Fol­gen von Tscher­no­byl aus Sor­ge um das Image der Atom­kraft in der öffent­li­chen Mei­nung.

Bis hier­her hät­te ich glei­che Anspra­che auch zum Tscher­no­byl-Jah­res­tag letz­tes Jahr, vor­letz­tes Jahr oder vor 5 Jah­ren hal­ten kön­nen. Zunächst hat mir das eini­ges Kopf­zer­bre­chen berei­tet, denn jeder Red­ner prä­sen­tiert Ihnen gern etwas Neu­es, Span­nen­des. Dan wur­de mir klar, dass genau die­ser Man­gel an Neu­ig­keits­wert in der Natur von Atom­ka­ta­stro­phen liegt:
Radio­nu­kli­de haben Halb­werts­zei­ten von Jahr­zehn­ten bis Jahr­tau­sen­den. Ver­gli­chen mit der Lebens­zeit des Men­schen sind schon die 30 Jah­re des zügig zer­fal­len­den Cäsi­um lang, und die knapp 90 Jah­re von Plu­to­ni­um 238 mehr als ein Men­schen­al­ter.
Zudem ist nach der Halb­werts­zeit noch immer die Hälf­te des Aus­gangs­ma­te­ri­als vor­han­den, aund die Zer­falls­pro­duk­te mit eben­falls lan­gen Halb­werts­zei­ten sind oft eben­so gefähr­lich wie das Aus­gangs­ma­te­ri­al. Damit sinkt die Belas­tung erst im Lau­fe von Jahr­hun­der­ten auf ein erträg­li­ches Niveau. Nach mensch­li­cher Ska­la hält damit jede ato­ma­re Ver­seu­chung ewig an.

Ich sehe zwei Mög­lich­kei­ten mit die­sem Sach­ver­halt umzu­ge­hen:

Tschernobyl Mahnwache

Mög­lich­keit 1:
Der Mensch lebt mit der Ver­seu­chung, wie in der Sperr­zo­ne von Tscher­no­byl die Tie­re und Pflan­zen tun; das Leben ist zäh und die Geschöp­fe sind schier unbe­grenzt lei­dens­fä­hig. Aller­dings müss­ten sich die Men­schen damit abfin­den, dass die Lebens­er­war­tung gera­de land genug bleibt um Nach­kom­men in die Welt zu set­zen, und dass die Men­schen zudem vie­le Kin­der zeu­gen müss­ten mit der unaus­weich­li­chen Aus­sicht, dass vie­le davon miss­ge­bil­det oder krank sind, und man die­se Aus­fäl­le durch mehr Kin­der aus­gleicht, um den­noch die Art zu erhal­ten. Ob die Wild­schwei­ne, Wöl­fe, Eich­hörn­chen und Vögel in der Sperr­zo­ne dar­über trau­rig sind dass sie genau so ihre Art auch in der ver­such­ten Zone auf­recht­erhal­ten , weiß ich nicht. Fakt ist, dass sie es tun: Die Sperr­zo­ne ist ein rie­si­ges Natur­schutz­ge­biet, in dem die Evo­lu­ti­on unbe­irrt fort­schrei­tet.
So weit alles gut. D.h. wei­ter so?
Mir ist Mög­lich­keit 2 sym­pa­thi­scher:
Spa­ren wir uns die­ses Hor­ror­sze­na­rio. Stei­gen wir sofort aus der unkon­trol­lier­ba­ren Atom­kraft aus.
Denn es gibt Alter­na­ti­ven:
Wind – Son­ne – Was­ser – Spei­cher – Effi­zi­enz
Die Tech­nik steht bereit und ist ist Ver­gleich zur Atom­kraft völ­lig unge­fähr­lich und abso­lut bezahl­bar.

Tschernobyl Mahnwache

Für mich ist die Erin­ne­rung an Tscher­no­byl und der Respekt vor der Opfern und Geschä­dig­ten ein immer­wäh­ren­der Ansporn, mich für die Ener­gie­wen­de hin zu einem dezen­tra­len, erneu­er­ba­ren und effi­zi­en­ten Ener­gie­sys­tem ein­zu­set­zen.

Vie­len Dank für Ihre Auf­merk­sam­keit. Zum Geden­ken an die Opfer bit­te ich Sie um eine Schwei­ge­mi­nu­te.

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