Taunussteiner Energiewende

AKTE - ArbeitsKreis Taunussteiner Energiewende

22. April 2022
von Dr. Jens Garleff
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Gedan­ken zum Tscher­no­byl-Jah­res­tag 2022

Dosenwerfen auf AKWs

Der Krieg in der Ukrai­ne, aus­ge­löst durch den rus­si­schen Über­fall, legt für mich fol­gen­de Gedan­ken nahe: 

1) Atom­kraft ist nicht sicher. Schon zu Frie­dens­zei­ten gibt es ein untrag­bar gro­ßes Risi­ko, dass durch dum­me Zufäl­le” ein AKW explo­diert, durch­schmilzt, o.ä.

Im Krieg steigt die­ses Risi­ko dra­ma­tisch an; wie leicht kann eine fehl­ge­lei­te­te Rake­te oder ein miss­glück­ter Schuss einer Gra­na­te das AKW ver­se­hent­lich beschä­di­gen, auch wenn wie bis­lang in der Ukrai­ne bei­den Sei­ten offen­bar ein Inter­es­se dar­an haben, die Sicher­heit der Atom­an­la­gen zu gewähr­leis­ten.
Den­noch besteht ein ernst­zu­neh­men­des Risi­ko, dass die Spi­ra­le aus Dro­hun­gen aus dem Ruder läuft, und ein­zel­ne Akteu­re, Sol­da­ten, Par­ti­sa­nen oder über­for­der­tes Reak­tor­per­so­nal Feh­ler mit kata­stro­pha­len Fol­gen machen. Bekannt­lich zer­stört der Angrei­fer bewusst die Infra­struk­tur des Fein­des, um des­sen Nach­schub und auch des­sen Repa­ra­tur von Kriegs­ge­rät und die Rüs­tungs­pro­duk­ti­on zu unter­bin­den. Dabei kann es leicht gesche­hen, dass unver­hofft auch Reak­to­ren vom Strom­netz oder von der Ver­sor­gung mit Kühl­was­ser abge­schnit­ten werden. 

Selbst wenn es noch gelingt, einen beschä­dig­ten oder sei­ner Infra­struk­tur beraub­ten Reak­tor kon­trol­liert her­un­ter­zu­fah­ren, muss der Reak­tor­kern und das Abkling­be­cken mit gebrauch­ten Brenn­ele­men­ten für vie­le Wochen unun­ter­bro­chen aktiv gekühlt wer­den, sonst droht auch im abge­schal­te­ten AKW eine Kern­schmel­ze, die nach weni­gen Stun­den bis Tagen unkon­trol­lier­bar wird. Wie real die­ses Sze­na­rio ist, muss­te die Welt 2011 in Fuku­shi­ma zur Kennt­nis neh­men. Erd­be­ben und Tsu­na­mi hat­ten die Reak­to­ren selbst weit­ge­hend unbe­scha­det über­stan­den, die sofort her­un­ter­ge­fah­ren wur­den. Nur war die Strom­ver­sor­gung und damit die Küh­lung lan­ge genug unter­bro­chen, sodass die unver­meid­li­che Nach­zer­falls­wär­me in den Brenn­ele­men­ten zur Kata­stro­phe führ­te. Wir müs­sen also hof­fen und beten, dass die ukrai­ni­schen AKW (Chmel­nyz­kyjRiw­neSapo­rischsch­jaSüd-Ukrai­ne) bei Krieg­be­ginn abge­schal­tet wur­den. Auch wenn die Nach­zer­falls­wär­me noch vie­le Mona­te prin­zi­pi­ell stark genug ist, um den Reak­tor zu zer­stö­ren, ver­grö­ßert sich das Zeit­fens­ter, in dem die Küh­lung wie­der her­ge­stellt und die Kern­schmel­ze ver­hin­dert wer­den kann. Direkt nach dem Erlö­schen der Ket­ten­re­ak­ti­on schmilzt ein unge­kühl­ter Reak­tor nach knapp 2 Stun­den. Einen Monat nach dem Abschal­ten hat man rund 2 Tage lang die Chan­ce, die Küh­lung wie­der her­zu­stel­len, bevor eine unbe­herrsch­ba­re Kern­schmel­ze ein­tritt. Ein paar Tage klingt nach viel Zeit. Mit den Zer­stö­run­gen nach den rus­si­schen Angrif­fen vor Augen scheint es zumin­dest frag­lich, ob die Ver­sor­gung mit Strom und Kühl­was­ser schnell genug gesi­chert wer­den kann. 

Lei­der steht zu befürch­ten, dass Krieg auf wei­te­re Län­der über­greift. Daher müss­ten auch die AKW in den ande­ren euro­päi­schen Län­dern, Tsche­chi­en, Slo­wa­kei, Deutsch­land und Schwe­den sofort abge­schal­tet werden. 

Ganz unab­hän­gig von den bei­spiel­lo­sen Sicher­heits­ri­si­ken der AKWs stel­len sie eine sehr teu­re Mög­lich­keit dar, uns mit Ener­gie zu ver­sor­gen. Um in Hin­kley Point ein neu­es AKW zu pla­nen, muss­te die eng­li­sche Regie­rung eine Ein­spei­se­ver­gü­tung von über 11 Ct/​kWh anbie­ten, die zudem über 30 Jah­re garan­tiert wird. Die bei­den aktu­el­len neu­en AKW-Pro­jek­te in der EU stel­len eben­so ein Trau­er­spiel dar: – Olki­luo­to in Finn­land wur­de 3x mal so teu­er wie ursprüng­lich zum Fix­preis von 3Mrd. Euro ange­bo­ten. Die Bau­zeit ver­län­ger­te sich von den pro­jek­tier­ten 6 Jah­ren auf inzwi­schen 17 Jah­re. Inzwi­schen läuft der Reak­tor, aller­dings nur im Test­be­trieb und soll ab dem Som­mer 2022 regu­lär Strom lie­fern. Wenn nicht wie­der etwas dazwi­schen­kommt … – Fla­man­vil­le in Frank­reich soll­te ursprüng­lich 3,3 Mrd. Euro kos­ten; inzwi­schen geht der zukünf­ti­ge Betrei­ber von Bau­kos­ten in Höhe von 12,7 Mrd. Euro, der fran­zö­si­sche Rech­nungs­hof rech­net sogar mit 19,1 Mrd. Euro Gesamt­kos­ten für das Pro­jekt; der erzeug­te Strom wür­de danach 11 – 12 Ct/​kWh kos­ten. Die Inbe­trieb­nah­me wur­de im Janu­ar 2022 zum wie­der­hol­ten Mal ver­scho­ben, und soll nun im 2. Quar­tal 2023 statt­fin­den. Wer weiß, wann’s wirk­lich so weit ist … Zum Ver­gleich: Aktu­ell wird der teu­re” Foto­vol­ta­ik-Strom in Deutsch­land mit 6,52 Ct/​kWh ver­gü­tet. Für die Dun­kel­flau­te brau­chen wir Strom­spei­cher. Bat­te­rie­spei­cher kos­ten ca. 15 Ct/​kWh, groß­tech­nisch kön­nen Pump­spei­cher­kraft­wer­ke den Strom viel preis­wer­ter spei­chern. Daher scheint es mir mehr als rea­lis­tisch, dass Strom aus Son­ne und Wind­kraft inklu­si­ve der nöti­gen Strom­spei­cher preis­güns­ti­ger zu haben ist, als Strom aus neu zu bau­en­den AKW. Noch ein Ver­gleich: PV Anla­gen und Wind­kraft kann man jeder­zeit völ­lig gefahr­los von einer Sekun­de auf die nächs­te abre­geln und bei Bedarf sofort wie­der ans Netz neh­men. AKWs kön­nen nur stur durch­lau­fen, egal ob oder wie viel Strom gera­de gebraucht wird. Ins­be­son­de­re nach einer Schnell­ab­schal­tung dau­ert es vie­le Tage, bis der Reak­tor sicher” wie­der den nor­ma­len Leis­tungs­be­trieb erreicht. Fle­xi­bel und sicher plan­bar ist in mei­nen Augen anders als jetzt Gas geben, damit ich 2 Wochen vol­le Leis­tung bekom­me, egal ob ich sie dann brau­che oder nicht. 

2) Abhän­gig­keit von Öl- und Gas­lie­fe­run­gen aus Russland.

Ich fin­de es schlicht beschä­mend, dass wir wei­ter­hin unse­ren Ener­gie­hun­ger mit Öl und Gas aus Russ­land stil­len, und damit dem aktu­el­len Schläch­ter Euro­pas die Kriegs­kas­se täg­lich neu fül­len. Die Men­schen in der Ukrai­ne kämp­fen ums nack­te Über­le­ben, auf der Flucht oder im Kampf, und unse­re Soli­da­ri­tät reicht nicht mal so weit, har­te Ein­schnit­te wie ein Tem­po­li­mit oder eine um weni­ge Grad redu­zier­te Raum­hei­zung zu akzep­tie­ren. Lang­fris­tig müs­sen wir unse­re Ener­gie­ver­sor­gung ohne­hin CO₂-neu­tral auf­stel­len, um die Kli­ma­zie­le des Pari­ser Abkom­mens ein­zu­hal­ten. Nun rächen sich die Ver­säum­nis­se der Ver­gan­gen­heit gleich dop­pelt: Die deut­sche Poli­tik setzt seit Jah­ren bei der Ener­gie­ver­sor­gung nur auf bil­lig-bil­lig-bil­lig, und das auch nur bei kurz­sich­ti­ger Betrach­tungs­wei­se, denn die Kos­ten, die in den letz­ten Jah­ren schein­bar ein­ge­spart wur­den, weil die Ener­gie­wen­de als unpo­pu­lär teu­er galt, fal­len uns dop­pelt und drei­fach auf die Füße, wenn nun der Kli­ma­wan­del zuschlägt. Aller­dings ver­die­nen an den fos­si­len Ener­gie­trä­gern ande­re als die jetzt und in Zukunft, die Schä­den durch den Kli­ma­wan­del erlei­den. Die Rezep­te sind bekannt, was getan wer­den muss, um den Kli­ma­kol­laps erträg­lich zu hal­ten:
der Ener­gie­ver­brauch muss sin­ken durch Suf­fi­zi­enz, d.h. Ener­gie soll nur noch ein­ge­setzt wer­den, wo es wirk­lich nötig ist. Es ist para­dox, mit dem Auto in die Fir­ma zu fah­ren, dann den Auf­zug ins Büro zu neh­men – und um fit zu blei­ben, nach Fei­er­abend auf dem Heim­trai­ner zu trai­nie­ren.
Pro­duk­te müs­sen lang­le­big sein, um Ener­gie­ver­brauch bei der Erzeu­gung und Umwelt­be­las­tung bei der Ent­sor­gung zu minimieren. 

Der nächs­te Punkt ist Effi­zi­enz, d.h. die Dienst­leis­tun­gen für den Ener­gie­ein­satz wirk­lich nötig ist (z.B. Brot backen, Beleuch­tung, etc), sol­len ener­ge­tisch opti­miert wer­den, dass mit mini­mal mög­li­chem Ener­gie­ver­brauch die erfor­der­li­che Dienst­leis­tung erbracht wer­den kann. Kon­kret heißt das klei­ne spar­sa­me Elek­tro­fahr­zeug für die letz­te Mei­le, Bus und Bahn für die lan­gen Stre­cken, LED statt Glüh­bir­ne, gut gedämm­te Pas­siv­häu­ser, in denen die Abwär­me der Bewoh­ne­rIn­nen und der Gerä­te prak­tisch als Hei­zung aus­reicht, etc. 

Auf die­se Wei­se soll­te es mög­lich sein, mit 25 % des aktu­el­len Ver­brauchs an Ener­gie unser Leben in nahe­zu gewohn­ter Wei­se zu bestrei­ten. Die­ses ver­blei­ben­de Vier­tel an Ener­gie kann dann leicht durch erneu­er­ba­re Ener­gie­quel­len gedeckt wer­den: Son­nen­en­er­gie sorgt für Wär­me und Strom, Wind- und Was­ser­kraft erzeu­gen Strom, Bio­mas­se ist leicht zu spei­chern und deckt die Spit­zen­last. Zusätz­lich wird Strom in Bat­te­rien und Pump­spei­cher­kraft­wer­ken für die berühm­te Dun­kel­flau­te gespeichert. 

Natür­lich kos­tet die Ener­gie­wen­de viel Geld. Aller­dings ist es eine Lüge, dass ein wei­ter so” mit Koh­le und Atom auf lan­ge Sicht kos­ten­güns­ti­ger wäre. Zudem blei­ben die unkal­ku­lier­ba­ren Risi­ken der nuklea­ren Ver­seu­chung und der Kli­ma­ka­ta­stro­phe; um es kurz zu sagen: Die Ener­gie­wen­de wird Geld kos­ten. Der Ver­zicht auf die Ener­gie­wen­de wird noch teu­rer: Wei­ter so” kos­tet uns das Leben. … Weiterlesen >>

29. September 2014
von Dr. Jens Garleff
Kommentare deaktiviert für Ein­wei­hung des Wind­parks Im Hal­lo” in blau­en Eck bei Freiensteinau

Ein­wei­hung des Wind­parks Im Hal­lo” in blau­en Eck bei Freiensteinau

Hal­lo Wind­wald! – Hal­lo Energiewende!

Mit der Ein­wei­hung des Wind­parks Im Hal­lo” in blau­en Eck bei Frei­en­stein­au ver­bin­det sich die Ener­gie­wen­de mit regio­na­ler Wert­schöp­fung zum Nut­zen der Bür­ge­rin­nen und Bür­ger im länd­li­chen Raum.

ef12e9f8f4Weit und breit kei­ne Wind­kraft­an­la­gen zu sehen, so dach­ten wir am Sonn­tag früh am 21. Sep­tem­ber auf der Anfahrt nach Frei­en­stein­au. Die dicken grau­en Regen­wol­ken lagen dicht über dem Boden und lie­ßen kei­ner­lei Land­mar­ken sehen. Doch dann: ein Licht­blick: unser Ziel war sicht­bar und denk­bar nah: der Fest­platz zur Ein­wei­hung der sie­ben Wind­kraft­an­la­ges des Wind­wal­des Hallo”.
Ein­wei­hung war gleich ganz wört­lich zu neh­men, denn als ers­tes hielt die Orts­pfar­re­rin Andrea Wie­mer einen Got­tes­dienst. Dar­in mach­te sie deut­lich, dass die Abkehr von gefähr­li­chen und schäd­li­chen Ener­gie­for­men, z.B. der Atom­kraft, zur Ver­ant­wor­tung des christ­li­chen Han­delns gehö­re. Got­tes Schöp­fung schen­ke uns Son­ne und Wind als 97b7f3e39fMög­lich­keit unse­ren Ener­gie­be­darf zu decken. Die Ver­an­wor­tung für die Schöp­fung und für die zukünf­ti­gen Genera­tio­nen legi­ti­mier­ten die Frei­en­stein­au­er zum Bau von Wind­parks. Sie glaubt an die Kraft der Ver­söh­nung und wünscht sich, daß nach dem Streit um den Wind­park in der Gemein­de sich alle Bür­ge­rin­nen und Bür­gern ihrer Gemein­de die Hän­de rei­chen und ein­an­der mit Ach­tung und Nächs­ten­lie­be begeg­nen könn­ten. Der Ein­wei­hungs­got­tes­dienst wur­de vom Posau­nen­chor der Kir­chen­ge­mein­de musi­ka­lisch begleitet.… Weiterlesen >>

26. August 2014
von Dr. Jens Garleff
Kommentare deaktiviert für Vor­bo­te des Kli­ma­wan­dels in Bad Schwalbach?

Vor­bo­te des Kli­ma­wan­dels in Bad Schwalbach?

Wir alle haben mit Bestür­zung von dem ver­hee­ren­den Tor­na­do am 10. August in Bad Schwal­bach gehört. Mein ers­ter Ein­druck war, dass Tor­na­dos nor­ma­ler­wei­se in den Tro­pen vor­kom­men, aber nicht im Tau­nus zu erwar­ten sind. Nach Zei­tungs­be­rich­ten wur­den eini­ge hun­dert Bäu­me zer­stört und ca. 20 – 30 Häu­ser beschä­digt. Zum Teil wur­den Dächer abge­deckt. Trotz der sofort ein­ge­lei­te­ten Auf­räum­ar­bei­ten stellt sich der Kur­park als Ödland dar, und muss der Betrieb der Kur­bahn auf unbe­stimm­te Zeit ein­ge­stellt werden.

Jede ein­zel­ne sol­che Wet­ter­ka­prio­le ent­steht rein zufäl­lig. Gleich­zei­tig wei­sen die Ergeb­nis­se der Kli­ma­for­scher und Meteo­ro­lo­gen eine stark ver­grös­ser­te Varia­bi­li­tät des Wet­ter mit mas­si­ver Zunah­me von Extrem­wet­ter­er­eig­nis­sen als wesent­li­che Aus­wir­kung des Kli­ma­wan­dels in Bay­ern nach. Dies dürf­te auch für das Nach­bar­land Hes­sen zutref­fen. OLYMPUS DIGITAL CAMERAIm Klar­text bedeu­ten ein grö­ße­re Varia­bi­li­tät des Wet­ter und Zunah­me von Extrem­ereig­nis­sen, dass wir mit mehr Hit­ze­wel­len, Stark­re­gen, Stür­men und Dür­ren, aber auch wei­ter­hin mit stren­gem Frost und Käl­te­pe­ri­oden rech­nen müs­sen. Dies ist im Detail nach­zu­le­sen z.B. in Kli­ma­wan­del in Bay­ern. Aus­wir­kun­gen und Anpas­sungs­mög­lich­kei­ten” her­aus­ge­ge­ben von den Pro­fes­so­ren der Uni­ver­si­tät Bay­reuth Carl Bei­er­kuhn­lein (Bio­geo­gra­fie) und Tho­mas Foken (Mikro­me­teo­ro­lo­gie); zu bezie­hen über Bay­ceer, Forum Öko­lo­gie ISSN 0944 – 4122, Uni Bayreuth.

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